Schlafen – mein Hobby

Der erste Arzt, den ich wegen meines „Hobbys“ Schlafen aufsuchte, gab mir den Rat: „Saufen Sie nicht so viel und gehen Sie früher ins Bett.“ Ähnliche Ratschläge habe ich in den folgenden Jahren immer wieder zu hören bekommen. Einmal sagte mir auch einer: „Sie haben es gut, ich möchte auch einmal so schlafen können.“

Richtig aufgefallen bin ich mit meinem übergroßen Schlafbedürfnis erst bei der Bundeswehr. Da hatte ich mich als Zeitsoldat für vier Jahre verpflichtet. In der Grundausbildung wurde meine Schlafneigung einfach als Desinteresse bewertet, über das man – man beinahe – hinwegsah. Das wurde anders im Unterricht wie beispielsweise bei Lehrgängen, wo ich in der Regel spätestens nach fünf Minuten eingeschlafen war. Auch die übliche Runde um den Bau nützte wenig, da ich anschließend sofort wieder einschlief. Es kam hinzu, dass ich des Öfteren während des Dienstes unsinniges Zeugs redete.

Schließlich machte es mir nichts mehr aus als „Drückeberger“ angesehen zu werden. Allerdings setzte ich durch, dass ich zum Truppenarzt geschickt wurde. Es sollte nicht der letzte Arzt gewesen sein, der mit mir nicht anzufangen wusste. Aber immerhin, er überwies mich an das Bundeswehrkrankenhaus Koblenz, nachdem auch der Chef meiner Stammeinheit die Überzeugung gewonnen hatte, dass eine gründliche Untersuchung nottat. Dass ich gleich in die neurologische Abteilung gelegt wurde, bewies noch lange nicht die richtige Einschätzung meiner „Krankheit“, denn alles, was nicht gerade Beinbruch war, landete erst einmal in der „Neuro“.

Diagnose: Eigentlich kerngesund, aber Verdacht auf ein cerebrales Anfallsleiden. Dementsprechend „Petnidan®“ (Ethosuximid – Admin.) gegen epileptische Anfälle.

Die Tabletten habe ich fortan auch immer brav genommen, da man mir gesagt hatte, dass die Anfälle sonst noch schlimmer würden. Es sollten noch mehr als zwei Jahre vergehen, bis ich durch einen glücklichen Zufall herausfand, dass die dämpfende Wirkung der Tabletten meine Schlafanfälle nur verschlimmert hatten.

Die Situation in der Dienststelle, zu der ich abgeordnet war, wurde mit der Zeit unerträglich. Außer zum Feiern, wo ich wie kaum ein anderer munter war, war ich praktisch zu nichts mehr zu gebrauchen. Die Entlassung aus der Bundeswehr nach vier Jahren war für mich wie eine Erlösung. Ohne die ständige Belastung fühlte ich mich sofort bedeutend wohler. Es war auch die Zeit, zu der ich von dem wahren Charakter meiner „Medizin“ erfuhr und sie sofort absetzte.

Ich fand ohne Schwierigkeiten eine Stellung in einer Möbelspedition. Dort hatte ich in den nächsten Jahren praktisch keine Probleme, da ich bei körperlicher Arbeit voll leistungsfähig war. Um meine besonderen Schlafgewohnheiten wussten nur meine Kollegen, die sich darauf einstellten.

Mit der Unterstützung, Hilfe und Rücksichtnahme meiner Kollegen war es mir möglich, eine Stelle in einer Offsetdruckerei anzunehmen und durchzuhalten. Jetzt konnte ich in meinem Beruf als Fotograf arbeiten. Besonders günstig war dabei, die Arbeitszeit in die Nachtstunden verlegen zu können.

Kleinere Anfälle lernte ich, mit der Zeit so gut zu überspielen, dass die Vorgesetzten nichts bemerkten. Leider geriet die Firma nach einem Jahr in Konkurs. Somit fand diese recht erfreuliche Zeit ein schnelles Ende.

Nach verschiedenen Übergangstätigkeiten auf dem Bau fand ich dann wieder eine Arbeit, die interessant war und mir Freude machte: Fotograf bei der Kriminalpolizei. Ohne aufzufallen konnte ich hier eine Zeit meine Arbeit verrichten. Die weitgehende erlaubte es mir, in kritischen Phasen kleine Pausen einzulegen. Ich zog mich in die Dunkelkammer zurück und schloss die Türe ab. Aber dann fiel ich doch auf. Man bemerkte, dass ich bei Besprechungen, Vernehmungen und Schreibarbeiten nicht durchhielt. Das anfänglich gute Verhältnis zu den Vorgesetzten kühlte merklich ab und wurde schließlich unerträglich.

Von Vorteil war die Situation für mich, als man eine gutachterliche Untersuchung in der Universitätsklinik Gießen veranlasste. Die Diagnose lag binnen zehn Minuten auf dem Tisch: Narkolepsie. Die große Wende trat allerdings nicht unmittelbar ein, da es noch gut ein Jahr dauerte, bis ich selbst herausgefunden hatte, welche Menge Tofranil® (Imipramin – Admin.) meinen Zustand wirkungsvoll verbesserte; 100 mg waren von da an meine tägliche Dosis.

Für meine Arbeit bei der Polizei wurde ich als „nicht tauglich“ beurteilt. Da ich mich für die ersatzweise angebotenen Tätigkeiten als Kraftfahrer (!) oder Schreiber nicht tauglich fühlte, war meiner Zeit im Öffentlichen Dienst bald ein Ende gesetzt. Ich war auch froh, nicht mehr 100 km täglich fahren zu müssen, obwohl das bei Wind und Wetter mit dem Motorrad gut zu schaffen war.

Ich habe dann eine Arbeit im Tiefbau angenommen. Der ständige Aufenthalt an der frischen Luft, körperliche Arbeit und viel Bewegung machten mich zu einer fast vollwertigen Arbeitskraft. Unverändert sah es dagegen mit meinem Feierabend aus. Wenn ich gerade mal nicht schlief, war ich gereizt, missmutig oder zumindest wenig umgänglich und verträglich. Und auch nicht der Liebhaber, den meine Frau erwartete. Aber auch andere Faktoren haben mitgespielt, vor allem waren es diese Belastungen und die sich daraus ergebenden Folgen, die meine Ehe zerstört hatten. Wie sehr die Entscheidung für mich eine Entlastung bedeutete, war an der fast unmittelbaren Besserung meiner Gesamtverfassung zu erkennen. Beigetragen hatte freilich auch die optimale Dosis Tofranil®. Mit meinen beiden Kindern zog ich zu meinen Eltern; dort lebe ich heute noch.

Der ständigen und wechselnden Hilfsarbeiten müde und ohne Aussicht auf eine passende Anstellung beschloss ich, mich als Kraftfahrer selbständig zu machen. Anfangs war ich mit viel Spaß bei der Sache und auch durchaus leistungsfähig, insbesondere durch die Möglichkeit der freien Tageseinteilung. Mit der Zeit wurden mir immer mehr die Risiken bewusst, und ich bin recht befriedigt, dass inzwischen ein Ende der Fahrerei abzusehen ist. Ich habe die Aussicht, den Posten eines Hausmeisters in einer Schule übernehmen zu können.

Wenn ich heute zurückblicke, sind es vor allem drei Erfahrungen, die mir geholfen haben, wieder ein einigermaßen normales Leben zu führen, ohne ständig aufzufallen:

  1. Jedem Ärger aus dem Wege zu gehen und jede Auseinadersetzung zu vermeiden.
  2. Mich konsequent an einen festen Rhythmus im Tagesablauf zu halten, vor allem regelmäßig zu den kritischen Tageszeiten Pausen einzulegen. Mit beispielsweise drei Pausen kann ich einen längeren Arbeitstag ganz gut überstehen. Schlimm ist es, wenn ich eine Pause übergehe und den Schlaf unterdrücke. Die nächste Schlafphase kommt dann umso schneller und stärker.
  3. Tabletten regelmäßig und zu gleicher Zeit einnehmen.

Mit Einhaltung dieser an sich einfachen Regeln hat für mich die Narkolepsie ihre Schrecken verloren, und ich bin ein fast normaler Mensch, während ich früher ein notorischer Schäfer war.
P.-G. D.

Anmerkung des Administrators:

Der Verfasser hat für sich drei wichtige Regeln aufgestellt, die man fast als allgemeingültig für alle Betroffenen übernehmen könnte, wenn das Umfeld (Familie, Freunde und besonders die Arbeitgeber und Kollegen) ihnen ermöglichen würde, die notwendigen Schlafpausen ungestört einhalten zu können.